Montag, 4. Februar 2008

23.12.07

Für den heutigen Tag hatten wir uns vorgenommen, zur Ketetahi Hütte zu gehen und dort zwei Nächte zu bleiben. Wir wollten ja diese Wanderung schließlich genießen. Dieser Tag begrüßte uns mit schönem Wetter. Zum Frühstück gab es wieder Müsli. Am Frühstückstisch unterhielten wir uns mit den anderen Wandersleuten. Diese Nationen war vertreten: USA, Deutschland, Neuseeland und noch irgendein Land. Man unterhielt sich zum Beispiel über die heutige Wanderung. Dieser Streckenabschnitt (Mangatepopo Hütte zur Ketetahi Hütte) ist auch als der Tongariro Crossing bekannt, einer der besten Eintageswanderung Neuseelands. Uns wurde auch gesagt, dass man am heutigen Tag sehr viele Leute auf dem Weg sehen wird, die diese Eintagestour machen. Man sollte sich früh auf den Weg machen, wenn man dieser Menschenmenge entfliehen möchte. Wir stopften alles in die Rucksäcke und machten uns um 8:15 Uhr auf den Weg. Und tatsächlich, kaum waren wir auf dem Hauptwanderweg angekommen, sah man die menschliche Perlenkette. Diesemal hatte der Lange meine Kamerabauchtasche. Ihr könnt euch ja ausmalen, warum. Er hat einfach die längeren Beine!
Der Beginn dieses Wandertages war schön aber auch wieder schweißtreibend. Wir ließen viele passieren, da ich einfach nicht schneller laufen konnte. Der Weg führte bergauf durch das Mangatepopo Tal entlang an einem kleinen Bach. Damit man die Vegetation nicht zerstört, gibt es einen Holzweg auf Stelzen, den man nicht verlassen sollte. Überall wachsen Moose und Flechten, was die rot-grau-schwarze Landschaft zu Leben erweckte. Soweit, sogut. Die Stimmung war gut, und die Kamera knippste fröhlich vor sich hin.
Mir fiel aber fast die Kinnlade herunter als ich mit den Augen den Weg vor uns verfolgte. Er war steil, sehr steil. Am liebsten wäre ich zurückgegangen, aber mein Ehrgeiz verbat es mir. In einem Buch wird dieser Bereich mit kurz und steil beschrieben. Mir kam er endlos lang vor. Nicht immer alles glauben, was in Büchern steht!!! Ich machte häufige kurze Pausen und hatte das Gefühl gehabt, das ein Sauerstoffzelt jetzt genau das Richtige gewesen wäre. Der Lange hingegen bevorzugte längeres Gehen mit längerer Pause. Wir behielten uns aber stets im Auge, wenn die Schweißtropfen uns nicht gerade kurz erblindet hatten. Nach häufigem Zureden von "Du schaffst das, du schaffst das. Nicht aufgeben!", erreichten wir endlich den Sattel zwischen dem Ngauruhoe und Tongariro. Nach tiefen Luftzügen erblickten wir eine weite, trostlose Ebene, durch die es gut wehte. Irgendwie hatte diese Ebene auch etwas Faszinierendes. Keine Gedanken plagten einen. Wir genossen einfach diese öde Ebene! Rechts von uns lag der Ngauruhoe. In einem Buch steht, ich zittire: "Der steile, symmetrische Kegel mit seinen leichten Rauchschwaden hat eine magische Ausstrahlung, denn der Wunsch, hoch an den Kraterrand zu steigen, wird immer stärker". Mit einem hatte der Autor ja Recht; er hat eine magische Ausstrahlung, nur wurde bei mir in dem Moment der Wunsch nicht allzu riesig, da hoch zu laufen. Hätte man nichts anderes vorgehabt, so hätten wir diese Strecke ohne Rucksack auch noch auf uns genommen, aber wir spielten mit dem Gedanken unsere anfangs Fünftagestour auf drei Tage zu verkürzen, da der Wetterbericht nicht allzu gut war. Im Regen Wandern ist wahrlich keine große Freude!
Wir ließen diese trostlose Ebene auf uns einwirken und waren fleißig am Knipsen. Vergessen waren die Aufstiegsstrapazen. Durch den riesigen "South Crater" führt ein Weg auf den Kraterrand zu. Auch dieser Abschnitt war ziemlich steil, und das Luftschnappen ging wieder von vorne los. Obwohl man wie ein Schwein schwitzte, war der Wind sehr kalt, und wir zogen uns die Jacken über. Ich spielte auch mit dem Gedanken meine Flieshandschuhe anzuziehen. Das hatte ich mir dann doch noch verkniffen. Auf die Sucherei im Rucksack hatte ich keine Lust. Am Rande von "Red Crater" angekommen, sahen wir in ein riesiges, dampfendes, bunt schillerndes Loch. Es war wirklich atemberaubend. Hmmm, war es der Anblick dieses purpurroten und schwarzen Gesteins, der uns die Luft wegnahm, oder der Schwefelgeruch, der in der Luft lag??? Die Umgebung wirkte schon fast unwirklich mit den aus der Erde tretenden Dampfwolken. Ein Vorteil war es allerdings, dass ich meine kalten Fingerchen an der heißen Erde aufwärmen konnte. War echt super! Schon irgendwie gruselig, wenn man bedenkt, dass es unter einem brodelt und die Party jederzeit losgehen kann. Ein paar Schritte weiter sahen wir schon die nächste Attraktion: die "Emerald Lakes" und den "Blue Lake". Diese Seen liegen still, fast friedlich, unterhalb von "Red Crater" und sehen aus, als ob ein Künstler mit seinen Farben nicht gespart hätte; wie Farbtupfer in einer bizarrwirkenden Welt. Bei diesen Seen handelt es sich um Explosionskrater, die sich mit der Zeit mit mineralhaltigem Wasser aufgefüllt haben. Die Mineralien wurden aus dem Thermalbereich des "Red Crater" herausgewaschen.
Um an diese "Emerald Lakes" heranzukommen, mussten wir einen steilen Lavageröllabhang wie auf Schienen hinuntergleiten; eine sehr staubige Angelegenheit. Unten angekommen, hatten die Seen ihre Wirkung irgendwie verloren. Von oben betrachtet, sahen sie viel besser aus. Nichtsdestotrotz gönnten wir uns hier, wo es gut nach faulen Eiern riecht, eine Pause und aßen ein paar Müsliriegel. Dieser beißende Geruch nahm einem schon fast den Appetit. Nun saßen wir da, und sahen uns die Seen und gelbe Schwefelablagerungen auf den Abhängen von der Ferne an. Schon irgendwie eigenartig diese Gegend oder sollte ich unheimlich sagen? Kein Strauch, kein Baum, kein Vogel - nur Lavagestein, feiner Geröllschutt und Rauchschwaden, die sich den Weg in die Freiheit durch die Ritzen des Vulkans suchen. Ein toller Anblick und diese Stille, wenn nicht diese Menschenmenge da wäre. Die "Belagerung" hatte schon den Charakter eines Großfamilienpicnics. Es wurde gegessen, getrunken, geklönt und hier und da kleine Wehwehchen behandelt. Ein junger Mann, der von Gruppe zu Gruppe ging, als ob er etwas suchen würde, fand auch seinen Weg zu uns. Er war verzweifelt auf der Suche nach Kochgeschirr, um guten Mocca für sich und seine Freunde zu kochen. Wandersleute müssen sich doch helfen! Also kramte ich nach unserem Kochgeschirr im Rucksack. Überglücklich bat er uns als Dank Mocca an, den wir (leider) ausschlagen mussten. Bis zur nächsten Hütte war es noch ein gutes Stück, und auf Wildnistoilette hatte ich nun wirklich keine Lust gehabt. Unser Kochgeschirr immer fest im Blickfeld, genossen wir unsere Pause. Der junge Mann brachte nach einiger Zeit unser Geschirr wieder zurück und kamen dabei ins Gespräch. Das Thema ist immer dasselbe: "Woher kommt ihr? Welche Hütte ist euer nächster Stopp?" und so weiter und so fort. Als wir erwähnten, dass wir aus Deutschland kommen, änderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Er und seine Freunde stammen nämlich aus Israel. Wir unterhielten uns noch eine Weile über dieses und jenes. Ich frage mich immernoch, ob er unser Geschirr ausgeliehen hätte, wenn er vorher gewusst hätte, dass wir aus GER stammen.
Mit dem Wissen, dass wir die Ketethi Hütte überspringen würden, machten wir uns langsam auf den Weg zur Oturere Hütte, die ca. 4,4 km entfernt sein sollte. Es war sehr warm mit einer leichten Brise, die etwas Abkühlung schaffte. Die Jacken wurden wieder in die Rucksäcke gedrückt. Es ging ziemlich steil bergab in das Oturere Tal, von wo man das ganze Tal überblicken konnte. Von der Ferne sah alles aschgrau und trocken aus. Von Nahem betrachtet konnte man viel Leben entdecken in Form von vielen nicht allzu hohen Pflänzchen. Ach war das Gefühl schön, mal wieder bergab zu gehen!
Unser Weg führte uns durch eine Landschaft, die durch frühere Eruptionen des "Red Crater" geschaffen wurden - unendlich viele ungewöhnlich geformte Lavaablagerungen. Für uns Laien sah irgendwann alles gleich aus. Auch wenn der Vulkan Ngauruhoe immer noch der gleiche war, konnten wir unsere Augen einfach nicht von ihm lassen. Magisch zog er immer wieder unsere Blicke auf sich. Uns entgegen kam eine Familie mit drei kleinen Kindern, die zu den "Emerald Lakes" wollten. Die Frau sah sehr geschafft aus. Gegenseitig erkundigten wir uns, wie weit es denn noch zur nächsten Hütte bzw. zu den Seen ist. Die Hütte sollte nicht allzuweit weg sein, aber in den Stiefeln der Frau möchte ich nicht stecken. Da war noch hartes Stück Arbeit vor ihr. Gut gelaunt gingen wir weiter. In so einer menschenleeren Gegend (die meisten gingen ja zur Ketetahi Hütte) hatten wir genug Zeit gehabt, um über unseren weiteren Tagesablauf zu reden. So im nachhinein habe ich das Gefühl, dass uns die Anstrengungen des bisherigen Tages und die Hitze zu Kopf gestiegen waren. Wir hatten nämlich jetzt vorgehabt noch eine weitere Hütte zu überspringen. Entscheiden wollten wir uns aber, wenn wir die vor uns liegende Hütte erreicht hatten. So gegen 15 Uhr kamen wir da auch an. Nach einer kräftigenden Zwischenmahlzeit - ihr könnt ja raten, was es gab - entschieden wir uns weiterzugehen. Der Grund nochmal zur Erinnerung, war die schlechte Wetterprognose für den 25.12.. Meinen persönlichen Wetterfrosch(mann) habe ich ja immer bei mir ;))))) und Müsliriegel konnte ich nicht mehr sehen! Von der Oturere Hütte bis zur Waihohonu Hütte, wo wir definitiv übernachten würden, waren es ja nur noch 7,5 km. Dieser Streckenabschnitt war wahrlich nichts besonderes: trockene Flussbetten und offene Kieselsteinfelder begrüßten uns. Immer wieder schauten wir uns die Vulkane Ngauruhoe und Ruapehu an, die das Panorama erfüllten. Der Rest der Landschaft erinnerte uns eher an eine Mondlandschaft, trocken und öde bis auf einige kleine Büsche hier und da.
Unermüdlich wurde die Kamera gefoltert. A propos Folter: die Füße machten sich "langsam" bemerkbar. Ich hatte mit dem großen Onkel meines rechten Fußes zu kämpfen. Das Abrollen schmerzte etwas, aber immer noch genug um häufiger kleine Päuschen zu machen. Der Lange hingegen machte einen noch recht frischen Eindruck. Immer wenn ich ihn mit seiner Mütze betrachtete, und das konnte ich ja reichlich, weil ich hinter ihm ging, hatte ich eher das Gefühl, in der Wüste zu sein und nicht im grünen Neuseeland. So nach und nach änderte sich das Aussehen der Landschaft. In nicht allzu weiter Ferne konnte man Wälder erkennen. Bis zur Zivilisation war es aber noch ein weiter weg. Der Weg führte uns immer am Fuße des Ngauruhoe entlang. Diesen Part hatten wir beide sehr genossen und nur selten sahen wir andere Wanderer, die uns schnellen Schrittes überholten oder uns entgegenkamen.
Jetzt kam wieder ein Bereich, der mir sehr zusagte: bergabgehen. Mir war aber schon bange, weil ich anhand der Broschüre wusste, dass wir die Höhenmeter, die wir jetzt nach unten gingen, nach der Flussüberquerung wieder nach oben gehen mussten!!! Man kann sich die große Freude bei mir vorstellen. So pilgerten wir hinunter, vor Augen das dichte Grün, durch das wir wieder hochgehen mussten. Kaum hatten wir den Fluss über die Brücke passiert, ging es wieder steil bergauf. Die Suppe lief einem nur so herunter. Nach vielen kurzen Päuschen, Flucherein und gutes Zureden meines großen Onkels am rechten Fuß, merkte ich, dass mir das Wasser ausging. Der Lange vorweg hatte schon längst kein Wasser mehr. Erwähnt hatte er aber nichts. Hatte mich schon gewundert, dass er nicht mehr so häufig trank. Kurze Bemerkung zu unseren "Wassertanks" im Rucksack: am Anfang des Tages hatte jeder von uns drei Liter Wasser im Gepäck!!! Schnaubend, ächzend und schwitzend erreichten wir schließlich den Gipfel, wo wir uns erstmal erholen mussten. Und ich glaube, dass jeder für sich da saß und die Entscheidung, die letzte Hütte zu überspringen, bereute. Ich tat es zumindest.
Nun saßen wir hier, ohne Wasser und lauschten den Vögeln. Endlich wieder Vogelgezwitscher. Das klang so schön. Keine 50 m Luftlinie entfernt noch öde Mondlandschaft und jetzt Vogelgezwitscher im Birkenwald. Verrückt, aber wahr. Kaum normalisierte sich der Puls, ging es auch schon wieder weiter. Wir mussten die nächste Hütte erreichen. Die Umgebung war wirklich schön, nur hatte ich das Gefühl, dass keiner von uns diese zur Zeit genießen konnte. Mein Wassermangel löste bei mir schon Halluzinationen aus, so dass ich die Hütte hinter jedem Baum sah. Nein, nur Spaß!!! So schlimm war das mit dem Durst nicht. Wir wussten ja, dass es nicht mehr weit war. Gott bzw. Allah sei Dank kamen wir dann auch an. Ankunftszeit ca. 19 Uhr. Wir waren die letzten Ankömmlinge in der Hütte. In dem Zimmer, wo wir unser Nachtlager aufschlagen wollten, war ein Bett von einem mächtigen Mann belegt, der bereits im Traumland war. Alle anderen warnten uns vor dem Superschnarcher. Ohrstöpsel sind heutzutage goldwert. Einige der "Mitbewohner" stammten aus der Schweiz und Österreich, so dass man sich deutsch unterhielt. Hmm, obwohl wir so lange unterwegs waren, hielten der Lange und ich uns wacker auf den Beinen.
Fazit des Tages:
Wanderbeginn 8.15 Uhr, zwei Hütten übersprungen, Ankunftszeit in der Waihohonu Hütte 19 Uhr.
Wir sind insgesamt 19,9 km in 10 Stunden und 45 Minuten (inkl. Pausen) gegangen und hatten dabei den halben Vulkan umlaufen. Eine Mütze voll Schlaf hatten wir uns somit redlich verdient.

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